Die Software, die Kinder vor Gewalt schützt

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Über die Informationsplattform RISKID können sich Arztpraxen über Verdachtsfälle von Kindesmisshandlung austauschen. rola-Mitarbeiter Michael Reichelt engagiert sich seit Jahren dafür, dass mehr Kinderärztinnen und -ärzte die Software nutzen. Dank einer Gesetzesänderung in NRW könnte das Projekt nun Fahrt aufnehmen.


Nicht wegschauen: Kindesmisshandlungen werden oft nicht rechtzeitig erkannt. (Adobe Stock)


Am Anfang dieser Geschichte steht der Fall Natalie. 2004 findet die Polizei die Leiche des vierjährigen Kindes, verscharrt am Kreuz Kaiserberg bei Duisburg. Die Ermittlungen decken auf, welche Tortur das Mädchen in seinem kurzen Leben überstehen musste: Von der Mutter vernachlässigt, wurde es vom Stiefvater regelmäßig verprügelt. Irgendwann waren die Schläge tödlich.

Der Fall ist 17 Jahre her, das Phänomen leider hochaktuell: 152 Mädchen und Jungen wurden im Jahr 2020 laut der aktuellen Kriminalstatistik in Deutschland getötet, 4.542 Fälle von körperlicher Kindesmisshandlung erfasst. Im ersten Corona-Jahr gab es damit rund 35 Prozent mehr Todes- und zehn Prozent mehr Misshandlungsfälle als im Jahr zuvor – die Dunkelziffer dürfte mindestens ebenso stark gewachsen sein. „Erschreckend“ findet Michael Reichelt diese Zahlen. „Wenn ich so etwas lese, weiß ich genau, warum wir das machen.“


Infografik zum Anstieg der Fallzahlen (getötete Kinder) in den vergangenen Jahren. Quelle: Bundeskriminalamt


Infografik zum Anstieg der Fallzahlen (erfasste Fälle von körperlicher Misshandlung) in den vergangenen Jahren. Quelle: Bundeskriminalamt


Das Thema Kinderschutz bewegt Reichelt beruflich wie privat. In seinem Job als Koordinator der Domäne Polizei bei rola kümmert sich der Oberhausener um Software-Lösungen, die es ErmittlerInnen erleichtern, gemeinsam an Fällen zu arbeiten. Im Privatleben engagiert sich der 52-Jährige für RISKID, das Risikokinder-Informationssystem Deutschland. Auch hier geht es um eine Software-Lösung, die eine bessere Zusammenarbeit ermöglicht – in diesem Fall allerdings für Ärztinnen und Ärzte, die Kinder behandeln. Getragen wird das Projekt vom gemeinnützigen Verein RISKID e.V. Dieser hat in den vergangenen 15 Jahren etwas erreicht, das deutschlandweit einmalig ist: ein Frühwarnsystem zu etablieren, das Fälle schwerer Kindesmisshandlung wie den der kleinen Natalie zu verhindern hilft.

Doktor-Hopping erschwert die Diagnose von Kindesmisshandlung

Die Idee zu RISKID entsteht 2005. Damals ermittelt die Duisburger Polizei zum Tod von Natalie und in vier weiteren Fällen von Kindstötung. In einem geht es um einen Säugling, der im Alter von sechs Monaten verstirbt, nachdem seine Eltern ihn misshandelten, hungern ließen und zuletzt erschlugen. Keine der oft monatelangen Misshandlungen wird damals frühzeitig erkannt, auch weil die Erziehungsberechtigten ihre Kinder nie zweimal demselben Arzt vorstellen. Sie betreiben Doktor-Hopping, um nicht aufzufallen.

In der Duisburger Mordkommission ermittelt damals Kriminalkommissar Heinz Sprenger. Durch die Fälle erschüttert, bringt der 2020 verstorbene Kriminalist Staatsanwaltschaft, Polizei und Kinder- und JugendärztInnen an einen Tisch. „Gemeinsam suchte man damals nach Lösungen, wie sich Ärzte und Ärztinnen bei Verdachtsfällen besser vernetzen können, um Missbrauch frühzeitiger zu entdecken“, berichtet Michael Reichelt. Aus diesem Kreis heraus gründet sich 2012 der gemeinnützige Verein RISKID e.V, in dem Heinz Sprenger stellvertretender Vorsitzender war.

Schwierige Diagnose: Spuren von Gewalt sind oft nicht eindeutig

Dass es überhaupt einer Plattform für den ärztlichen Austausch bedarf, liegt an der komplizierten Anamnese. „Kindesmisshandlung ist oft sehr schwer zu diagnostizieren“, sagt Michael Reichelt. Natürlich gebe es offensichtliche Fälle. Häufig seien die Symptome aber nicht eindeutig. Rühren die blauen Flecken des Kindes von einem Sturz her, wie die Eltern schildern? Sind sie Anzeichen einer Gerinnungsstörung? Oder sind sie auf Schläge zurückzuführen? „Neben physischer Gewalt sind auch Vernachlässigungen und psychische Gewalt ein Problem.“

Viele Ärztinnen und Ärzte zögern, gleich beim ersten Anzeichen dem schweren Verdacht einer Kindesmisshandlung nachzugehen. Oft sehen sie Missbrauchsopfer allerdings nur ein einziges Mal, weil die TäterInnen beim nächsten Arztbesuch eine andere Praxis aufsuchen. Von Anfang an dachten die RISKID-Gründer deshalb darüber nach, ÄrztInnen ein Forum einzurichten, in dem sie Hinweise unterhalb der Eindeutigkeitsschwelle teilen können.

„Wenn eine Misshandlung klar nachzuweisen ist, brauchen wir RISKID gar nicht. Dann werden die Kinder ins Krankenhaus überwiesen, und die Praxis benachrichtigt die Polizei“, erklärt Michael Reichelt. „RISKID-Fälle sind die, bei denen ein Arzt oder eine Ärztin allein nicht genau sagen kann: Ist es eine Misshandlung oder nicht?“ Ist bekannt, dass ein Kind in der Vergangenheit bereits mit ähnlichen Verletzungen aufgefallen ist, schaut man bei der Untersuchung womöglich genauer hin.


In der Corona-Zeit hat die häusliche Gewalt an Kindern deutlich zugenommen. (Adobe Stock)


Sichere Datenbank: rola-Lösung für ärztliche Zusammenarbeit

Der rola-Experte stieß 2009 zu RISKID. Damals hatte der Verein bereits erfolglos versucht, ein Austauschformat in Papierform aufzusetzen. „Es zeigte sich schnell, dass das nicht datenschutzkonform war“, sagt Michael Reichelt. Heinz Sprenger kannte als Kriminalpolizist die rola-Lösung rsCase. Die Software vermittelt BeamtInnen einen Überblick über die Datenlage innerhalb der Polizei. Warum, so fragten sie sich, sollte solch eine Lösung, die allen Datenschutzanforderungen entspricht, nicht auch die verdachtsbezogene Kommunikation zwischen Kinder- und JugendärztInnen ermöglichen?

Angefragt, stellte rola seine Software für den guten Zweck kostenlos zur Verfügung. Der Verein setzte eine RISKID-Informationsdatenbank auf Basis der rola-Software auf. „Nach vielen Vorarbeiten und Gesprächen mit Medizinern, Juristen und Datenschützern haben wir die Datenbank 2012 dann freigeschaltet“, sagt Michael Reichelt. Seit Juli 2012 können sich Ärzte und Ärztinnen direkt über die Website von RISKID vernetzen.

Und das funktioniert so:

Herausforderung Schweigepflicht: Täter müssen Datenaustausch zustimmen

„Das System bahnt eine Vermittlung an, bietet aber keinen Datenaustausch“, fasst Michael Reichelt zusammen. Mit dem Datenschutz gebe es deshalb kein Problem, mit der ärztlichen Schweigepflicht dagegen schon. Die schreibt vor, dass ein Arzt nicht ohne Zustimmung des Patienten – beziehungsweise seiner Eltern oder des Erziehungsberechtigten – mit einem Kollegen oder einer Kollegin über Misshandlungsbefunde reden darf. RISKID rät Ärzten, mit einer Schweigepflichtentbindung zu arbeiten. „Die meisten Täter stimmen dem sogar zu, um nicht aufzufallen“, sagt Michael Reichelt.

Allerdings müssten dem Gesetz zufolge eigentlich beide ÄrztInnen eine Schweigepflichtentbindung haben, um sich im Zweifel offen über einen Fall austauschen zu können. Experten vermuten, dass „Kinder zu Tode gekommen und zahlreiche Kinder unnötig lange gequält worden, weil die Schweigepflicht der Kinderärzte bislang derart absolut galt“, wie Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), kürzlich der „Welt am Sonntag“ erklärte. RISKID-Aktivist Michael Reichelt hält den Vorschlag von Kritikern, jeden ungeklärten Missbrauchsverdacht einfach direkt ans Jugendamt zu melden, für keine gute Alternative: „Das dient weder dazu, das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Eltern zu erhalten noch einen medizinischen Sachverhalt abzuklären. Dazu braucht es das interkollegiale Gespräch.“

NRW will als erstes Land die Schweigepflicht lockern

RISKID e.V. investierte in den vergangenen Jahren viel Zeit, um eine Änderung des Heilberufegesetzes in diesem Punkt voranzutreiben. Michael Reichelt und seine MitstreiterInnen warben auf Ärztetreffen für die Informationsplattform und standen als Experten mehrmals im NRW-Landtag Rede und Antwort. Trotzdem kam lange keine Bewegung in die Sache. Erst mit dem Koalitionsvertrag von 2017 entschloss sich die NRW-Landesregierung dazu, eine Bundesratsinitiative anzustoßen. Im Frühjahr 2020 beriet die Bundesregierung über das Thema und entschied, die Regelung an die Bundesländer zurückzuweisen.

Im Sommer beschloss der nordrhein-westfälische Landtag dann in einer Nachtsitzung die Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht zum Schutz der Kinder. Für Michael Reichelt ist das ein großer Erfolg: „Wir haben jetzt eine echte Chance, dass die Plattform mehr Zulauf bekommt“, sagt der Familienvater, der heute im RISKID-Vorstand sitzt. Er erwartet, dass andere Länder es NRW gleichtun.



Infografik zum Anstieg der Fallzahlen (getötete Kinder) in den vergangenen Jahren. Quelle: Bundeskriminalamt


Infografik zum Anstieg der Fallzahlen (erfasste Fälle von körperlicher Misshandlung) in den vergangenen Jahren. Quelle: Bundeskriminalamt


Bisher haben sich rund 200 Ärztinnen und Ärzte bundesweit auf der Plattform registriert. Als der Verein sie vor einiger Zeit danach fragte, ob ihnen RISKID im Alltag schon mal bei einer Diagnose geholfen habe, antworteten 38 Prozent mit „Ja“. „Das sind überragende Zahlen“, so Michael Reichelt. „Wir gehen davon aus, dass wir definitiv schon Misshandlungen und wahrscheinlich auch Kindstötungen verhindern konnten.“


Zur Person: Michael Reichelt ist Koordinator/Lead in der Domäne Polizei bei der rola. Er arbeitet seit 2004 in unserem Unternehmen, ist selbst Vater von zwei Kindern und engagiert sich seit Jahren für den Kinderschutz. Als Gründungsmitglied ist er im Vorstand des Vereins RISKID e.V. aktiv tätig.