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In der Corona-Zeit hat die Zahl der illegalen Straßenrennen noch zugenommen. (Adobe Stock)
Es ist die kinetische Energie, die schnelles Autofahren so reizvoll macht. Und so gefährlich. Denn die „lebendige Kraft“, wie der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz die Bewegungsenergie einst nannte, sorgt zwar für den gewissen Kitzel, aber sie bleibt auch bestehen, wenn ein Hindernis die Fahrt jäh stoppt. Dann entlädt sie sich auf den Fahrenden und sein Opfer — oft mit tödlicher Wucht.
Das ist die physikalische Seite des Phänomens Rasen, das nicht nur auf Autobahnen, sondern auch in illegalen Straßenrennen immer wieder zu beobachten ist. Die Teilnahme an solchen Rennen, die regelmäßig zu Toten und Verletzten führen, gilt in Deutschland seit 2017 als Straftat. Dennoch listen die Polizeistatistiken immer mehr solcher Renntage auf.
So hat sich laut Bayerischem Rundfunk die Zahl der illegalen Autorennen in Bayern im Corona-Jahr 2020 beinahe verdoppelt. Landesweit mussten dort 560 verbotene Rennen von der Polizei beendet werden, sieben Menschen kamen durch die Raserei zu Tode. Auch in anderen Bundesländern sind viele Straßen zur Nachtzeit kein sicheres Pflaster. In Berlin etwa registrierte die Polizei laut „Tagesspiegel“ mehr als 1.200 illegale Rennen innerhalb von drei Jahren. 63 Menschen wurden dabei verletzt, zwei starben.
„Für Sicherheitsbehörden sind illegale Straßenrennen unheimlich schwer zu verhindern“, sagt Ayse Gashani, IT-Consultant und Produkttrainerin bei rola. Natürlich wisse die Polizei, an welchen Orten sich sogenannte Auto-Poser treffen. „Aber wann in welcher Straße das nächste Rennen geplant ist, wird in der Szene, wenn überhaupt, nur in geschlossenen Gruppen kommuniziert.“
Hinzu kommt, dass zwar viele Auto-Poser ihr Auto tunen, aber nicht jeder Tuner gleich ein Raser ist. Es gibt eine große legale Szene von Auto-Enthusiasten, der es ums Verändern und Verschönern ihrer Wagen, aber nicht ums Rasen geht. Auf der Essener Motor Show 2021, die dieser Tage startet, ist ihr ein ganzer Bereich gewidmet, die Sondershow „tuningXperience“. „Zwischen beiden Gruppen gibt es zwar Überschneidungen, aber vor allem riesige Unterschiede“, sagt Ayse Gashani.
Allerdings ziehen Elemente der Tuning-Szene — etwa das Verbessern der Motorleistung — eben auch Raser an. Deshalb behalten ErmittlerInnen auch die eigentlich harmlose Tuner-Szene im Blick.
Aktuell besteht die Prävention oft in verstärkten Kontrollen, wie etwa in Frankfurt am Main im Juni 2021: Dort schaute sich die Kontrolleinheit Auto-Poser, Raser und Tuner (KART) der örtlichen Polizei gemeinsam mit ihrem Pendant beim Polizeipräsidium Südosthessen — der AG Tuner, Raser und Poser — einen Tag lang im Frankfurter Stadtgebiet nach verdächtigen Fahrzeugen um. Bei 22 von 48 kontrollierten Fahrzeugen beanstandeten die BeamtInnen Mängel. In 18 Fällen erlosch aufgrund illegaler Tuning-Maßnahmen die Betriebserlaubnis.
Um die Szene im Blick zu behalten und Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung zu ahnden, seien solche Kontrollen wichtig, sagt Ayse Gashani. „Ort und Zeit des nächsten Straßenrennens wird die Polizei bei solchen Aktionen dagegen eher nicht herausfinden.“ Vielversprechender ist da ein digitaler Ansatz, den eine andere Sicherheitsbehörde gerade ausprobiert: Dabei werten ErmittlerInnen mit Hilfe der rola-Lösung rsNetMAn öffentlich zugängliche Onlinequellen aus, um auf diese Weise mehr über anstehende illegale Rennen zu erfahren.
Nicht immer führen illegale Straßenrennen nur zu Blechschäden. Oft kommen dabei unbeteiligte Passanten zu Schaden. (Adobe Stock)
Die Software-Lösung rsNetMAn wird bereits von verschiedenen Sicherheitsbehörden und im Militär als eine Art Pressespiegel für Social Media genutzt. Sie verwendet sogenannte Open Souce Intelligence (OSINT), wertet also öffentlich im Netz zugängliche Daten aus. rsNetMAn extrahiert und aggregiert Daten aus rund 250 Millionen Onlinequellen wie Blogs, Nachrichtenseiten, Foren und sozialen Netzwerken — Informationen also, die aufgrund ihrer schieren Masse von ErmittlerInnen niemals systematisch händisch ausgewertet werden könnten. Mit ausgeklügelten Verfahren bringt rsNetMAn Hierarchien in die Diskussionen im Netz und zeigt zum Beispiel auf, wie viral ein bestimmter Betrag gerade ist.
Zur Prävention illegaler Autorennen war rsNetMAn nur vereinzelt im operativen Einsatz. Aber ein größer angelegter Versuch mache hier durchaus Sinn, glaubt Ayse Gashani: „ErmittlerInnen können damit gezielt nach Begriffen suchen, die mit dem Thema Rasen in Verbindung stehen, Ergebnislisten nach Bedarf eingrenzen und sich Treffer und Verbindungen visuell aufzeigen lassen.“ Raser diskutieren zwar — anders als Tuner — selten offen über Facebook oder Twitter, sondern meist in geschlossenen Kanälen wie WhatsApp und Telegram. „Andererseits können die ErmittlerInnen über das Monitoring der öffentlichen Kanäle einen tieferen Einblick in die Szene bekommen und mit diesen Informationen womöglich auch Rennen verhindern“, sagt Gashani.
Interessant für Sicherheitsbehörden sind etwa folgende Fragen:
„Durch die Beobachtung und Analyse öffentlich zugänglicher Kommunikationskanäle können Sicherheitsbehörden Rasern zuvorkommen“, fasst Ayse Gashani zusammen. Ob damit tatsächlich illegale Straßenrennen vorhergesagt und verhindert werden können? Der Pilotversuch läuft.
Zur Person: Ayse Gashani ist Solution Consultant bei rola.