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Beweismittel Patrone: Werden alle Spuren direkt am Tatort digital erfasst, kann ihre Historie später lückenlos im elektronischen Asservatenbuch nachvollzogen werden. (Foto: Adobe Stock)
Asservatenkammern sorgen bei Krimifans für gemischte Gefühle. Einerseits verheißen sie Spannung: Die Patrone aus der Tatwaffe, das Taschentuch mit DNA-Spuren, der Erpresserbrief – alle Beweismittel eines Falls lagern hier an einem Ort. Andererseits riechen sie nach Routine. Gibt es doch scheinbar kaum etwas Langweiligeres als einen Raum voller Pappkartons.
Dem ambivalenten Charme des Asservatenkellers verfällt auch der ARD-„Tatort“ regelmäßig. Eine Kommissarin ist traumatisiert, weil sie angeschossen wurde? Dann schiebt sie im nächsten Fall erst mal im Asservatenkeller Dienst (Dresden-„Tatort“ „Das Nest“). Ein Drogenfahnder ist korrupt? Wie ließe sich das besser belegen als mit dem Verwahrbuch der Asservatenkammer, in dem nur halb so viel Heroin verzeichnet ist wie von Zeugen geschildert (Leipzig-„Tatort“ „Unbestechlich“).
In diesem Beitrag gehen wir der Frage nach, ob diese Krimi-Realität eigentlich der realen Polizeiarbeit entspricht. Wird Asservate-Management tatsächlich noch mit Stift und Papier erledigt? Und ist es so fehleranfällig, wie viele Krimis zeigen?
„Leider ist die Fiktion immer noch nah an der Realität einiger Polizeibehörden“, sagt Lukas John, unser Fachbereichsleiter für Asservaten-Management-Systeme bei rola. „Handschriftlich geführte Verwahrbücher sind derzeit vielerorts die Regel.“ Das laufe oft so lange problemlos, bis in einem Prozess die Historie eines Beweismittels nicht nachvollzogen werden kann, sagt Lukas John. Dann seien die Risiken hoch. „Schon kleinste Fehler oder Lücken in der Dokumentation können monatelange Ermittlungen zunichtemachen und den Abschluss eines gesamten Verfahrens verhindern.“
Problematisch wird es vor allem, wenn Beweismittel abhandenkommen. „Dann möchte jeder wissen: Wann war die Pistole wo und wer war für sie verantwortlich?“, sagt John. Ein Fragen-Knäuel, das ohne digitales Asservaten-Management nur schwer aufzulösen ist – und manchmal sogar erst nach Jahrzehnten entwirrt wird.
So geschehen in einem historischen Fall in der walisischen Kleinstadt Pembroke. Hier spielt das Krimi-Drama „The Pembrokeshire Murders“, das seit kurzem auf MagentaTV zu sehen ist. Die Mini-Serie beruht auf wahren Begebenheiten. In den 1980er Jahren gab es hier zwei Doppelmorde, die nie aufgeklärt werden konnten. 2006 nimmt ein neuer Detective die Fäden des Falls wieder auf, indem er sich erneut durch die Beweismittel arbeitet.
„The Pembrokeshire Murders“ spielt die meiste Zeit in der Lagerhalle, in der die örtliche Polizei ihre Asservate aufbewahrt. Viele dieser alten Spuren holt das Team im Laufe der Ermittlungen wieder aus ihren Kartons, legt die Puzzleteile neu zusammen, ergänzt Leerstellen und kann die Morde am Ende tatsächlich aufklären.
„Hätte die walisische Polizei damals ein digitales Asservaten-Management (AMS) der rola gehabt, hätte ein Blick in den Computer vermutlich gereicht. Die Historie aller Beweismittel wäre auf einen Blick zu sehen gewesen“, erklärt Lukas Lohn. Vermutlich wären dabei schon früh Verbindungen aufgefallen. Allerdings wäre dann über den Fall wohl keine mehrteilige Krimi-Serie entstanden.
Denn Krimis, die ihre Spannung aus dem Dunkel der Asservatenkeller ziehen, werden es in Zukunft wohl schwerer haben. Zumindest, wenn sich auch in anderen Ländern ein AMS durchsetzt wie bei den Polizeien in Bayern und Baden-Württemberg.
In Bayern arbeiten rund 30.000 Beamte bereits seit 2014 mit dem rola-Produkt rsEvid. Die Software-Lösung hat die Verwaltung aller Beweismittel und Spuren digitalisiert, alle dazugehörigen Arbeitsschritte standardisiert und die Bearbeitung vereinfacht.
„In rsEvid werden alle Beweismittel mit einem bundesweit eindeutigen und unveränderlichen Datamatrix-Codes markiert“, erklärt Lukas John. Wird etwa ein iPhone am Tatort gefunden, kommt es in ein Tütchen, das mit einem Barcode beklebt wird. Von da an wird sein Weg durch die Ermittlungskette revisionssicher und lückenlos erfasst. Soll das iPhone im Labor untersucht werden, scannt die Beamtin in der Dienststelle den Code vor dem Versand. Anschließend scannt auch der Kurier das Asservat. Und im Kriminaltechnischen Institut angekommen, wird es erneut gescannt. Sollte das Smartphone zerlegt werden, kommt jedes Einzelteil in ein neues Tütchen mit einem neuen Code. Alle Eigenschaften und der gesamte Lebenszyklus eines Beweismittels – bis hin zu seiner Vernichtung oder Aushändigung – werden im elektronischen Asservatenbuch dokumentiert.
Die alte Krimi-Frage „Whodunnit?“ beantwortet das AMS auf diese Weise gleich mit. Ein Nachteil für Krimi-Autoren, aber ein großer Vorteil für die Polizei. Ebenso wie der Aspekt, dass Daten nur einmal – und nicht bei jedem Versandschritt neu – eingegeben werden müssen. So werden mögliche Fehleingaben ausgeschlossen. Zudem unterstützt rsEvid mit digitalen Formularen und Checklisten beim Erstellen von Untersuchungsanträgen. „Den Beamten gibt das digitale AMS Sicherheit“, sagt Lukas John. „Sie können damit jederzeit dokumentieren, was sie getan haben.“
Tatsächlich ist die Polizei in Bayern hochzufrieden mit dem AMS. Seit einigen Monaten nutzt auch Baden-Württemberg diese Software-Lösung von rola. „Wir bringen die Praktiker beider Landespolizeien miteinander ins Gespräch, damit beide Seiten von den Erfahrungen und Ideen der anderen profitieren und wir auf dieser Basis das Produkt weiterentwickeln können“, sagt Lukas John. Nur die Drehbuchschreiber müsse man noch überzeugen: Im ARD-„Tatort“ hatten die Software und die dazugehörigen Scanner bisher noch keinen Auftritt.
Zur Person: Lukas John ist Domänen Lead Asservate bei der rola.