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Videoüberwachung und Objekterkennung am Flughafen: Ist jemand mit einer Waffe unterwegs? (Adobe Stock)
Polizeiarbeit und Verbrechensbekämpfung sind nicht immer spektakulär. Manchmal bestehen sie einfach darin, tagelang in einem nüchternen Raum vor Bildschirm und Tastatur zu sitzen. Nicht, um Berichte zu schreiben oder Videokonferenzen zu führen. Sondern um sich durch Tausende Bilder oder viele Stunden Videos zu klicken und sich in der Video- und Bildauswertung voran zu kämpfen.
Die Digitalisierung hat es mit sich gebracht, dass immer mehr Dateien als Asservate sichergestellt werden. Manchmal geht es um die Bilder aus einem beschlagnahmten Smartphone oder einem Hinweisgeberportal, ein andermal um die Aufnahmen einer Überwachungskamera. Wann genau fuhr der Audi des Verdächtigen auf der Tankstelle vor? War am Tag des Anschlags jemand mit einer Handfeuerwaffe in der Stadt unterwegs? „Oft sitzen Beamte stundenlang vor dem Monitor und drücken die Vorlauftaste, um solche Fragen zu klären“, sagt Ayse Gashani, Consultant und Produkttrainerin bei rola.
Die Videoüberwachung öffentlich zugänglicher Bereiche ist für die Polizeiarbeit in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. Zum einen, weil immer mehr Straftaten mit Hilfe von Bildern aufgeklärt werden können – man denke an Fälle, bei denen Ermittlungsteams nach der Veröffentlichung eines Fotos bei „Aktenzeichen XY“ von Fernsehpublikum den entscheidenden Hinweis bekommen. Zum anderen, weil die Macht der Bilder auch präventiv wirkt.
So setzt zum Beispiel Nordrhein-Westfalen Videoüberwachung im Kampf gegen Straßenkriminalität ein. Mit Erfolg: Seit die Kölner Polizei etwa rund um den Dom und auf der Ausgehmeile an den Ringen Kameras nutzt, sind die Straftaten dort laut Polizeistatistik um rund ein Viertel zurückgegangen. Auch Daten aus anderen Städten zeigen: Die Videoauswertung kann effektiv dazu beitragen, Straftaten zu verhindern oder aufzuklären. Allerdings hat die Nutzung von Videodaten einen Nachteil: Sie ist sehr personalintensiv. Denn mit dem Erfassen von Bilddaten ist es nicht getan. Die Bilder müssen gesichtet, ausgewertet und interpretiert werden. Dafür müssen die unterschiedlichen Dateiformate zudem mit dem passenden Bildprogramm oder Videoplayer abgespielt, später in ein einheitliches Format konvertiert und logisch archiviert werden. Bei all dem kommt der menschliche Faktor ins Spiel.
Eine automatische Objekterkennungs-Software, die auf einem Bild etwa eine Waffe von einem Regenschirm oder ein Hakenkreuz von einem anderen Symbol unterscheiden könnte, fehlt den meisten Polizeien bislang. Und nur wenige Dienststellen sind personell so gut aufgestellt, dass sie für die zeitaufwändige Bild- und Videoanalyse genügend Ressourcen hätten. Aber „die denkbare Ausweitung der Videoüberwachung auf weitere gefährliche Orte setzt voraus, dass das Bildmaterial auf Polizeiwachen übertragen wird, wo genügend Kräfte vorhanden sein müssen, die sowohl lageangemessen intervenieren als auch strafverfolgend wirken können“, heißt es in einem Positionspapier der Gewerkschaft der Polizei von 2018. „Dafür ist zusätzliches Personal notwendig.“ Eine verstärkte Nutzung der Technologie wäre deshalb für die meisten Polizeibehörden wünschenswert, um eben jene knappen Ressourcen zielgerichtet einsetzen zu können und das Augenmerk priorisiert auf relevantes Bild- und Videomaterial zu lenken.
So sieht das auch die Polizei in Essen. Wie ein Polizeisprecher 2020 gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte, seien Rauschgiftdelikte zwar deutlich weniger geworden, seit die aufgestellten Kameras ein zeitnahes Einschreiten ermöglichen. Es gebe auch „durchaus weitere Bereiche, die uns Bauchschmerzen machen, wo ein solches Konzept Sinn machen würde“. Eine Ausweitung der Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung scheitere jedoch unter anderem am hohen Personalaufwand.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: „Eine Identifikation relevanter Informationen in großen Datenmengen – insbesondere in Bildern und Videos – ist nicht nur zeitaufwändig, sondern für das menschliche Auge oft nahezu unmöglich“, sagt Ayse Gashani. Vor allem dann, wenn Daten – etwa bei Entführungen oder flüchtigen Tätern – besonders schnell ausgewertet werden müssen.
Automatische Objekterkennung: Die rola-Lösung kann zwischen Handfeuerwaffen und anderen Waffen unterscheiden. (Adobe Stock)
„Bei rola arbeiten wir seit Jahrzehnten eng mit vielen Polizeibehörden zusammen. Das Problem, dass eine Ausweitung der Bildauswertung oft am menschlichen Faktor scheitert, wurde uns oft geschildert“, sagt Ayse Gashani. Eine technische Lösung dafür sei lange nicht in Sicht gewesen, erklärt die Produkttrainerin. Bis jetzt. „Wir bringen diesen Sommer unser neues Produkt rsObIn auf den Markt und hoffen, dass es für viele Polizeibehörden ein echter Gamechanger werden könnte.“
Die rola-Software rsObIn – die Abkürzung steht für Object Inspector – könnte Ermittlern tatsächlich viele Stunden Bildschirmzeit ersparen und ihnen dabei helfen, sich zuerst auf die wertvollsten Ermittlungsansätze zu konzentrieren. Die Lösung scannt mit Hilfe künstlicher Intelligenz selbst größte Mengen von Bildmaterial eigenständig und markiert relevante Stellen, die sich die Polizisten anschließend anschauen können. „Die Software nutzt dazu neuronale Netzwerke und maschinelles Lernen, sie erkennt also eigenständig Muster“, erklärt Gashani. „Polizisten müssen deshalb nicht mehr den kompletten Datenberg sichten, sondern nur noch die jeweiligen Sequenzen untersuchen, die rsObIn ihnen vorschlägt.“
Von einigen Polizeien wurde die Software bereits mit Erfolg eingesetzt. „In einem konkreten Fall wurden über Hinweisgeberportale und die Sicherstellung von Datenträgern mehrere Terrabyte an Bild- und Videomaterial als digitale Asservate sichergestellt“, erinnert sich Gashani. „Unsere Lösung hat automatisch Objekte wie Fahrzeuge, Waffen oder Symboliken in den Bildern und Videos identifiziert und markiert. Damit wurde für die Ermittler eine schnelle und priorisierte Sichtung möglich.“
Eine weitere Hilfe ist die Anreicherung der Ergebnisse mit Metadaten, die zu der jeweiligen Datei gehören. rsObIn liest diese Daten automatisch mit aus. Sie können für eine Weiterverarbeitung sowohl als Export als auch über eine API in vorhandenen Systemlandschaften integriert werden. „Den Ermittlern steht auch eine webbasierte Analystenoberfläche zur Verfügung, zudem kann die Software nahtlos ins bestehende rola-Produktportfolio integriert werden“, erklärt Gashani. So wird die Bild- und Videoauswertung erleichtert, präzisiert und beschleunigt.
Und was ist mit dem Datenschutz? „Wie bei allen unseren Lösungen erfüllt rsObIn natürlich die rechtlichen Anforderungen an den Datenschutz“, sagt Gashani. Dass die automatisierte Auswertung von Videodaten sogar den Datenschutz fördern kann, sehen auch andere Experten so. „Gerade weil intelligente Analysesysteme nur Auffälligkeiten ins Visier nehmen, ist die Mehrheit der Betroffenen in ihrem Alltag weniger erfasst und zugleich – aufgrund der präventiven Wirkung des Systems – deutlich sicherer“, glaubt etwa Gerd Landsberg, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Mehr Sicherheit durch weniger Personaleinsatz: In der Digitalisierung der Videoauswertung schlummert nicht nur für die Polizei, sondern auch für die Gesellschaft großes Potenzial.
Zur Person: Ayse Gashani ist Solution Consultant bei rola.